„Ich brauche niemandem was beweisen, mir selbst schon gar nicht.“
Bei Unvernebelt beschäftigen wir uns viel mit Geschmack. Dabei interessiert uns auch, wie Menschen herausfinden, was ihnen gefällt, Freude macht und zu ihrem Leben passt. Deshalb geben wir in unserem Magazin auch persönlichen Geschichten Raum.
Auf Lena Kemna sind wir über einen Artikel in der SURF aufmerksam geworden. Sie surft riesige Wellen und sagt, dass sie dabei in ihrer Komfortzone bleibt. Das hat uns neugierig gemacht. Wir haben sie gefragt, woher ihr Selbstvertrauen kommt, wie sie Entscheidungen trifft und wodurch sie die Freude am Surfen wiedergefunden hat.
Lena, wie fängt man an, riesige Wellen zu surfen?
Bei mir hat das ziemlich unspektakulär angefangen: mit einem Surfkurs im Familienurlaub. Ich war ungefähr 15 oder 16 und mochte von Anfang an gerade das Raue und Wilde daran. Die Bedingungen waren rückblickend für Anfänger wahrscheinlich gar nicht besonders gut. Draußen im Meer war man ziemlich auf sich gestellt. Aber dieses Gefühl der wilden Natur hat mir gefallen.
Die Wellen sind dann über die nächsten zehn Jahre einfach immer ein Stück größer geworden. Irgendwann habe ich von Nazaré und vom Big-Wave-Surfen gehört. Für mich war klar: Da führt die Reise hin. Ich hatte es aber überhaupt nicht eilig.
Das klingt nach einem ziemlich behutsamen Weg in einen extremen Sport.
Ja, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört aber ich bin dabei nie komplett aus meiner Komfortzone herausgegangen. Selbst beim Wechsel zum Tow-in-Surfen, bei dem dich ein Jetski in die Welle zieht, habe ich erst einmal wieder kleinere Wellen gesurft als die, die ich vorher schon aus eigener Kraft angepaddelt hatte. Erst die allerletzte Welle meiner ersten Saison war größer als alles davor. Jetzt beginne ich meine dritte Saison, und inzwischen sind die Wellen natürlich größer geworden.
Wie entscheidest du, welche Wellen du nehmen möchtest?
Vieles kläre ich schon vorher. Ich schaue mir die Vorhersage an: Wie groß werden die Wellen, wie ist der Wind? Natürlich weiß man damit nicht genau, was einen erwartet. In meiner zweiten Saison hatten wir zum Beispiel oft schlechte Windbedingungen. Wenn riesige Wellen dann auch noch unruhig sind, ist das etwas ganz anderes.
Mit dem Safety-Team und dem Jetski-Fahrer bespreche ich, welche Art von Wellen ich möchte. In kleinen Wellen surfe ich gern Barrels, also durch den Tunnel, den eine brechende Welle bildet. In Nazaré sage ich dagegen: Auf gar keinen Fall, haltet mich davon fern. Ich fahre da eine ziemlich sichere Nummer. Das klingt vielleicht paradox, aber ich bleibe tatsächlich in meiner Komfortzone. Damit fahre ich gut und habe Spaß.

Bleibt neben all dieser Vorbereitung noch Platz für dein Bauchgefühl?
Auf jeden Fall. Ich habe ein starkes Bauchgefühl, und ich trainiere auch, darauf zu hören. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, muss ich es nicht unbedingt ausprobieren. Oder ich suche mir einen sichereren Weg.
Für mich hat das nichts Spirituelles. Man nimmt intuitiv viele Dinge wahr, die man gar nicht so schnell erklären kann. Gerade draußen in Nazaré hat man manchmal auch gar nicht die Zeit dazu. Wenn ich merke, heute ist es kälter, heute fühlt sich alles gruseliger an, dann höre ich darauf. Ich brauche da niemandem was beweisen, mir selbst schon gar nicht.
Woher kommt dieses Vertrauen in dich selbst? Musstest du erst Erwartungen daran abschütteln, was du dir als Frau zutrauen kannst?
Ich habe das Glück, dass ich solche Vorstellungen gar nicht erst abschütteln musste. Ich hatte schon früh ein sehr gesundes Selbstbewusstsein. Warum das so ist, werde ich oft gefragt. Ein Stück weit ist es sicher Glück. Aber ich glaube, meine Geschwister haben auch viel damit zu tun.
Ich habe zwei ältere Geschwister. Wir sind vom Alter nah beieinander und sehr eng zusammen aufgewachsen. Sie haben mich einerseits ständig zu irgendwelchen dummen Sachen angestiftet und mich andererseits wieder herausgeholt. Ich bin zum Beispiel in den Pool gesprungen, als ich noch gar nicht schwimmen konnte, und wurde dann gerettet. Ich bin ziemlich beschützt und gleichzeitig beflügelt aufgewachsen.
Wächst dieses Selbstvertrauen mit den Dingen, die du dir vornimmst?
Ja. Ich fordere mich viel heraus und bin auch recht hart mit mir. Dabei geht es längst nicht nur um Sport. Ich habe einen Doktor gemacht, stehe für Keynotes auf der Bühne und habe dieses Jahr eine Wettkampfsaison im Freediving gemacht, bei der ich dann sogar Vize-Champion geworden bin. Ich mag es, mir Ziele zu setzen und ihnen Schritt für Schritt nachzugehen.
Wenn man zum ersten Mal auf einer Bühne steht, ist man natürlich noch nicht gut. Aber man macht es und zeigt sich damit: Ich kann schwierige Dinge tun. Beim nächsten Mal nimmt man sich wieder etwas Neues vor. Das stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Bei Freundinnen bin ich oft diejenige, die vor einer Geschäftsverhandlung angerufen wird und noch einen Pep-Talk gibt.
Beim Big-Wave-Surfen musst du dein Leben aber auch anderen anvertrauen. Fällt dir das leicht?
Ja, wenn ich sehe, dass jemand kompetent ist oder etwas sogar besser kann als ich. Dann kann ich mein Leben in die Hände dieser Person geben. Das mache ich sogar gern. Gerade beim Surfen mit dem Jetski ist dieses Vertrauen unglaublich wichtig.
Hat sich über die Jahre verändert, was dir am Surfen Freude macht?
Da könnte ich erst einmal viel darüber erzählen, was mir heute keine Freude mehr macht. Am Anfang war ich einfach verrückt nach Surfen. Kleine Wellen, große Wellen, völlig egal, ich wollte jeden Tag ins Wasser. Heute ist das anders. Ich bin älter geworden und habe auch andere Dinge im Leben, die mich fordern, gerade mental. Surfen ist für mich kein Ausgleich mehr. Es ist anstrengend. Und an der Surfkultur gefällt mir einiges auch wirklich gar nicht.
Ich hatte über die Jahre dann das Surfen auch schon fast ein bisschen aus den Augen verloren, bevor ich es durch das Big-Wave-Surfen wieder ganz neu für mich entdeckt habe.
Was hast du dort gefunden, das dir vorher gefehlt hat?
Vor allem den Teamaspekt. Beim normalen Surfen hat mir das gefehlt, und ich hätte vorher nicht gedacht, wie viel mir das geben würde. Beim Big-Wave-Surfen sind wir wirklich aufeinander angewiesen. Sicherheit und Rettung spielen eine unglaublich wichtige Rolle. Ich muss den Menschen, mit denen ich draußen bin, vertrauen können.
Gleichzeitig finde ich mich in einer ungewöhnlichen Führungsposition wieder. Ich kümmere mich um Finanzen und Logistik und muss auch draußen im Wasser den Überblick behalten. Du bist klitschnass, um dich herum sind diese Berge aus Wasser, der Umgangston ist rau und die Situationen sind unberechenbar. Das fordert mich und gibt mir extrem viel.
Ich surfe gern große Wellen und bin gern in dieser wilden Natur. Aber die Zusammenarbeit und die Verantwortung im Team sind etwas, das mich weit über die Wellen hinaus inspiriert.
Du sprichst auch in deinen Keynotes über Führung. Was nimmst du dafür aus dem Wasser mit?
Dass jeder seinen eigenen Führungsstil finden muss. Für mich gehört dazu, auf mein Bauchgefühl zu hören. Das mache ich im Wasser und in anderen Lebensbereichen auch. Ich glaube, jeder muss herausfinden, was zu ihm oder ihr passt.

Bei „siemachtwelle“ arbeitest du mit Mädchen. Erreichst du sie anders als dein Publikum bei einer Keynote?
Teenagerinnen und Teenager sind das schwierigste Publikum überhaupt. Führungskräfte im Anzug zu überzeugen, ist deutlich einfacher. Wenn ich in Berlin bin und mit den Mädchen ein Training mache, bringt mich das auf den Boden der Tatsachen zurück. Die glauben dir erst einmal nichts. Du musst sie wirklich überzeugen, und es dauert, bis sie dir vertrauen. Das tut einem auch gut.
Was passiert, wenn dieses Vertrauen da ist und ihr gemeinsam ins Wasser geht?
Wenn wir mehrere Tage zusammen im Wasser sind, merkt man, wie viel Selbstvertrauen sie gewinnen. Sie trauen sich etwas zu und haben Spaß daran. Vielleicht sind sie zu Hause in einer Freundesgruppe, die ihnen nicht guttut. Und dann sind sie auf einmal im Meer und stellen fest: Ich kann das.
Genau das möchte ich ihnen mitgeben: sich auszuprobieren und zu erleben, dass man selbst etwas kann. Man steckt sich ein Ziel und merkt, wie es von einem Tag auf den anderen besser wird. Dieses Gefühl ist eine ganz tolle Sache.
Was bleibt bei dir selbst von diesen Begegnungen hängen?
Sie rücken die eigenen Probleme zurecht. Im Alltag habe ich oft mit Menschen zu tun, deren Sorgen eher First-World-Problems sind. Bei den Mädchen sieht man, mit welchen Schwierigkeiten sie wirklich leben müssen. Und man merkt, dass man etwas bewirken kann, gerade wenn man länger mit ihnen arbeitet.
Gleichzeitig ist es herzzerreißend, wenn die Woche vorbei ist und sie in ihr Umfeld zurückgehen. Bei einigen weiß man, dass die Erfahrung lange nachwirken wird. Bei anderen wahrscheinlich nicht. Das zeigt einem auch, wie ungleich das Leben manchmal sein kann
Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft mehr Raum und Zeit für solche regelmäßigen Angebote hat. Wenn ich beruflich mehr Stabilität habe, möchte ich mich noch stärker dafür engagieren.
Bildnachweise: Das Porträt von Dr. Lemna Kemner und das schwarz-weiß Bild stammt von Maria Fernanda, das erste Bild im Beitrag von Tim Bonython.





